Arbeitslosigkeit unter Autisten

Statistiken

In diversen Kommentaren oder auch in Foren zum Thema Autismus ließt man öfter, dass angeblich eine überwiegende Anzahl der Autisten arbeitslos sei.
Es kursieren dann dabei Einwürfe wie „weit über 50%“ bis hinzu „zwischen 80 und 95 Prozent“. Häufig wird gesagt, Statistiken und Studien hätten dies ermittelt.
Leider gibt es selten eine Quelle zu diesen Studien und da kommen wir schon zum Problem.

Es gibt in Deutschland keine offiziellen, repräsentativen Statistiken zum Autismus. Was im ersten Moment verwundert, wo es doch in Deutschland zu allem Statistiken gibt.
Nun, ich bin kein Jurist, doch es gibt die ärztliche Schweigepflicht, weswegen die Ärzte als Quelle definitiv auszuschließen sind.
Die zweite größere Quelle wären die Krankenversicherungen, doch möchte ich hier auch stark anzweifeln, dass Daten – zumindest offiziell – über die Kunden herausgegeben werden.

Und genau diese Umstände erschweren es sicher repräsentative Statistiken zum Thema Autismus zu erstellen. Stichproben durch Umfragen ergeben sicher kein äußeres, starkes Bild der Gesamtsituation.
Auch das Jobcenter oder die Arbeitsagentur haben nach meinen Recherchen keine Statistik zum Thema „Autismus und die Arbeitswelt“ heraus gebracht.
Wahrscheinlich wissen diese gar nichts vom Autismus ihrer autistischen Kunden.

Auch Studien zu diesem Thema sind eher nicht auffindbar.

So bleibt nur die Möglichkeit Statistiken und Studien aus anderen Ländern zu benutzen und dort abzuleiten.
Dass dies nicht wirklich immer so produktiv ist, sollte jedem klar sein, weswegen diese Statistiken wohl nie einen repräsentativen Charakter für die deutsche Situation bekommen können.

Wie schaut es in anderen Ländern aus?

Die „National longitudinal transition study 2“ (http://www.nlts2.org#sthash.ukL8UEIM.dpuf) gibt einen kurzen Einblick in die Situation in den USA.
Dort scheinen statistisch ungefähr 1/3 der jungen Erwachsenen (23 – 26 Jahre) in einem gefestigten Arbeitsverhältnis zu stehen. (Verglichen mit allen Studienteilnehmern, bei denen 3/5 ein Arbeitsverhältnis haben)
Ungefähr die Hälfte der Heranwachsenden mit Autismus ging in den letzten 2 Jahren – von 2009 aus gesehen – einer bezahlten Arbeit nach. Im Gegensatz dazu sind es fast 80% für alle Teilnehmer.
Zu letzt noch der Punkt, dass 29% aller jungen Erwachsenen mit Autismus eine Arbeitsstelle suchen, wenn sie arbeitslos seien, verglichen mit knapp unter 50% für die gesamten Studienteilnehmer.

Eine weitere Aussage der Studie ist, dass 2/3 der Autisten, welche die High School abgeschlossen haben auch einer Arbeit, zu irgendeinem Zeitpunkt danach, nachgingen.
Nach einigen Jahren hätte diese Rate bei 47% gelegen.

Ist das in Deutschland ähnlich?

Darüber gibt es leider keine Aussagen, doch es ist zu vermuten, dass hier eine Ähnlichkeit besteht.
Generell ist das Problem bei der Betrachtung des Autismuses als Spektrum, dass wir hier verschiedene Funktionalitätsgrade vereint haben und diese die Statistikaussage einschränken können.
Zugleich kann man aber auch die letzte Aussage der NLTS2 für ein Abbild nutzen. Für einen Abschluss auf der High School benötigt es sehr wahrscheinlich eine höhere oder hohe Funktionalität.
Das beinah die Hälfte der Autisten nach einigen Jahren dann eine bezahlte Arbeitsstelle hat ist schon aussagekräftig.

Gerade bei der höheren und hohen Funktionalitätsgruppe ist das Ausgehen von einer Arbeitslosenquote „zwischen 80 und 95 Prozent“ doch utopisch.
Viele dieser Autisten finden Branchen und Nischen, wo das Arbeitsklima ihren Bedürfnissen mehr entspricht.
Doch scheinbar findet nicht jeder Autist diese.

Das gesamte Funktionalitätsspektrum

Das ganze Funktionalitätsspektrum betrachtet, findet sich eine signifikat höhere Arbeitslosigkeit von knapp über 65% in den USA – und wohl auch ähnlich in Deutschland.
Wie kommt das? Es gibt nicht nur Autisten mit höherer und hoher Funktionalität, sondern eben auch diese, welche wohl mit dem Bilde des Kindes in „der eigenen Welt“ in Verbindung gebracht werden.
Dass diese nur schwer eine Anstellung finden – hier dürfte die Wahrscheinlichkeit wirklich sehr gering bis gar nicht vorhanden sein – ist zu erwarten.
Daher kommt aus der ersten Tatsache und dem zweiten Faktum eine Arbeitslosenquote von ungefähr 3/4 zustande.

Autisten die im Internet unterwegs sind, sind meistens in der höheren und hohen Funktionalitätsgruppe anzusiedeln und auch die medienrepräsenten – also jene die Interviews geben etc. – gehören eher in diese Gruppe.
Eine hohe Arbeitslosenquote unter Autisten sollte deswegen differenzierter betrachtet werden.

Abschluss

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass gerade die Bewerbungsverfahren in heutigen Unternehmen meistens umfangreich sind und auch viele Gruppenaufgaben enthalten.
Das ist natürlich für Autisten nicht immer das Optimale, doch muss man da wohl durch – leider nicht immer mit Erfolg.

Problematisch ist auch, wenn es „Lücken“ im Lebenslauf gibt. Nur jeder dritte würde auch Langzeitsarbeitslose einstellen, titelte die IHK vor einiger Zeit.
Die meisten Unternehmen scheuen sich davor Leute einzustellen, welche bei bereits eine mittelfristige friktionelle Arbeitslosigkeit haben.
Das betrifft natürlich viele Menschen, doch gerade Autisten, die durch ihre Behinderung Probleme im Beruf und auch schon beim Bewerben haben, trifft dies sehr hart.

Alles in Allem kann es viele Gründe für eine Arbeitslosenquote, wie die obrige, geben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s