Der mediale Autist und Autismus und seine Autistenpartys

Metaphern sind allseits beliebte stilistische Elemente um einen Text, eine Rede oder eine Aussage zu verdeutlichen und einen Bezug herzustellen, den sich viele merken können.
Nicht nur Metaphern sind natürlich solch ein Element, auch Analogien oder weitere Methoden existieren um diesen Effekt zu erzielen. Der Autismus ist als Verdeutlichung oder Umschreibung, aber auch als Hinweis auf anormales Verhalten, scheinbar praktisch.
Das Faktum einer klinischen Diagnose wird hier ignoriert und die Stigmatisierung einer Gruppe von Menschen gefördert. Die Reichweite der Vorstellungen von dem, was Autismus ist und was ein Autist macht, ist riesig.
Das Klischee ist also selber, wie der Autismus, ein riesiges Spektrum, von denen bei einem Einzigen bereits eine riesige Bandbreite von widersprüchlichen Vorstellungen parallel existieren können.
Sie sind unfähig Blickkontakt zu halten, mal sind sie völlig unfähig, eine gewissen Intelligenz zu zeigen, ein anderes Mal sind sie fähig komplexe algebraische Aufgaben binnen Sekunden zu lösen und die Aufreihung von Primzahlen bis 999983 bereitet ihnen selbstverständlich keine Probleme!
Gemein ist der Vorstellung lediglich, dass die Kommunikation mit der Umwelt unmöglich ist – wenn wir an dieser Stelle mal vom Extremum des Aufzählens der Primzahlen oder dem Sagen der Lösung absehen.
Einhergehend daher ist hier bereits eine völlig irrsinnige Metapher der eigenen Welt, in der sich der gediegene Autist befindet und sein Körper scheinbar nur eine Verzerrung im Raum darstellt, weswegen man ihn wohl dann in dieser Welt wahrnehmen kann.Mit diesem Klischee ist es bereits für hochfunktionale Autisten oder Asperger-Autisten (sofern wir hier bei der aktuellen ICD-10 Definition bleiben) ein schweres Unterfangen, ihren Mitmenschen klar zu machen, dass diese Autisten sind.
Es ist für viele Menschen scheinbar abwegig, dass Autisten reden können. Wenn aber dann auch noch Blickkontakt gehalten werden kann, dann kann es kein Autist sein! Nicht dass das Klischee des Autismus‘ und des Autisten bereits schädigend ist –man kann es irgendwo noch nachvollziehen, denn die heutige klinische Diagnose ist deutlich jünger als das Wort als solches –, so kommen einige Autoren doch auch auf die Idee, Autismus mit noch viel mehr zu assoziieren.
Dabei muss gesagt sein, dass Autismus hier eigentlich für jegliches normabweichende Verhalten schließen soll und Umstände ohne weitere Beschreibung erklären vermag.Man kann bei der post-autistischen Ökonomie anfangen, wobei ich hier den meisten Lesern unterstelle, dass sie sich selbst fragen, was das bitte sein soll.
Weiterführt einen die Spur der Autismusbegriffs in die Tiefen politischer Grabenkämpfe, in denen die Politik und Reden des Herrn Röslers gerne mal aus „autistisch” verbucht werden. [1]
In diesem Zusammenhang wird also postiliert, dass der Rösler wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Polemik im ungewöhnlichen Stile (z.B. seine falsch gesetzten Redepausen) hält und auch seine politischen Forderungen und Maßnahmen allesamt – vermeintlich – seinerselbst bereichern sollen.Doch die Klimax dieser wirren Verwendung des Begriffes Autismus hält die „Spiegel Online”-Redaktion inne, die es schaffte, Autismus in den Zusammenhang des Amokläufers zu bringen. [2]
Kein Artikel bisjetzt schockierte mich mehr als dieser – An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich so eine negative und falsche Verbindung mit Autismus über kurz oder lang eh erwartete und daher es eher schon kurze Zeit später gefasst aufnahm.
In dem besagten Onlineartikel schaffte es also der Spiegel, der Öffentlichkeit ein gefährliches Bild über den Autismus zu präsentieren.
Zu erst dachte ich, das halte sich nicht lange, doch dem war nicht so, noch heute hört man ab und an darüber und es werden auch Relationen gebildet.Nach dieser Klimax war kurze Zeit Ruhe [vor dem Sturm]. Man hörte hier und da mal etwas von Autismus in den Medien und auch Herr Augsteins Artikel (wieder ein mal bei „Spiegel Online” veröffentlicht) war wieder für einen Aufreger gut.
Doch nach der Ebbe kommt bekanntlich die Flut und diese Flut präsientiert uns diesmal „Zeit Online”. [3]
Dort wird vom „sexuellen Autismus” geschrieben – und die beiden Wörter auch häufiger verwendet. Wie man sich sexuellen Autismus wohl vorzustellen hat, darüber wird man nicht informiert.
Und so bleibt nur die eigene Vorstellungskraft und einige Hinweise, die im Text verstreut wurden. Der Autor spricht vom „Sozialkörper”, „kaleidoskopischen Ausbreitung vereinzelter Existenzen liegt” und „Unbeeindruckt von der grotesk abweichenden Aktivität eines Gruppenmitglieds”.
Es bleibt also nur der Schluss, dass es sich hier um eine Metapher oder Analogie handeln soll, aber so recht bleibt der Leser hier allein gelassen.Um die ganze Chose abzurunden kommt der Autor zum Fazit, dass es sich um „keine haltlose Autistenparty” handeln kann, sondern um eine „kollektive Antwort auf den sexuellen Autismus”.

Mir wird wohl auf ewig verschlossen bleiben, was denn nun der wirkliche Inhalt dieses Beitrags ist. Er erinnert mich an eine Vorlesung an einer Universität eines Philosophieprofessors, der in der geschlagenen Stunde ungefähr soviel Inhalt von sich gab, wie die Frau Autorin. Nämlich gar nichts.

Mein Appell gilt daher, endlich Autismus auch als klinische Diagnose zu begreifen und Menschen mit dieser Störung nicht in die Bredouille zu bringen.
Denn der (unerwünschte) Nebeneffekt solch eines Artikels ist immens, der Schaden für Autisten wohl kaum schätzbar und durch solche Aritkel bräuchte die klinische Diagnose wohl über kurz oder lang einen neuen Namen, wenn diese medial modische Wortschöpfung des Autismus‘ nicht bald wieder verschwindet. Sonst wird man nie (wieder) mit dem eigenen Autismus offen umgehen können.

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3 Antworten zu “Der mediale Autist und Autismus und seine Autistenpartys

  1. Pingback: Gut, dass wenigstens die Medien Bescheid wissen… | autzeit

  2. Lektorat Dr. Klödner

    „Wenn aber dann auch nicht Blickkontakt gehalten werden kann, dann kann es kein Autist sein!“

    Das „nicht“ sollte vermutlich ein „noch“ werden. Aus eigener Erfahrung stellt sich die Frage, ob an dieser Stelle jemand beim Tippen gestört hatte.

    • Moin,

      danke für den Hinweis – ich dachte, ich hätte alle (gröberen) Fehler beseitigt‌….
      Gestört wurde ich beim Schreiben des Textes tatsächlich einige Male und zwar hauptsächlich von Personen, die hier herumschwirren.
      Hatte schon im Vorfelde einige solcher Fehler entfernt, aber dann wohl doch einen (oder mehr?) übersehen.

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